Aufwandsschätzung: Methoden und Modelle im Wandel der Zeit
Erste Ansätze bereits 1961
Der Einsatz von Schätzmethoden zur Aufwandsschätzung von Softwareprojekten rückt in vielen Unternehmen zunehmend in den Mittelpunkt. Jedoch finden sich unter einem Sammelsurium an Informationen kaum repräsentative Studien oder seriöse Publikationen. Dabei wurden erste methodische Ansätze, um IT-/Softwareprojekte im Vorfeld abzuschätzen, bereits 1961 publiziert. Weltweit betrachtet haben Wissenschaftler zwischenzeitlich ca. 100 Methoden publiziert. Es ist zu vermuten, dass der Umfang tausendseitiger Spezifikationen und die Komplexität der Methodenbeschreibungen abschreckend wirken. Resultierend aus mangelnden oder gar falschen Kenntnissen über Schätzmethoden hat sich ein falsches »Naturgesetz« im Denken etabliert: IT-Projekte sind im Vorfeld nicht abschätzbar oder exakt planbar.
Das Ziel von Schätzmethoden ist die Schaffung einer verlässlichen Planungsgrundlage
Im Kontext von Methoden versteht man unter „Schätzen“ die genäherte Bestimmung beliebiger Werte mittels beliebiger Verfahren. Das primäre Ziel der Wissenschaft ist die Schaffung einer verlässlichen Planungsgrundlage, um den »Störfaktor Mensch« weitgehend zu minimieren. Doch liefern Schätzmethoden nur Gesamtaufwand und Gesamtzeitbedarf und dienen nur bedingt der Sicherheit und Planbarkeit. Viele wurden überwiegend aus der Analyse von abgeschlossenen Projekten entwickelt, unter Einsatz von stochastischen und/oder heuristischen Verfahren. Dies gilt zumindest für die statistisch/mathematischen Methoden. Andere Methoden wiederum formalisieren einen Analogieschluss, die Ableitung aus Kennzahlen oder wenden schlicht eine Regression an. Die Vielfalt der Ansätze kennt fast keine Grenzen und man könnte meinen, sie ist bald so zahlreich wie die Planungsmethoden und Programmiersprachen selbst.
Steigender Wettbewerbsdruck und kürzere Entwicklungszyklen verstärken Bedeutung
Bis Ende der der neunziger Jahre haben sich Industrieunternehmen, ganz im Gegensatz zu Projekten im Rüstungssektor, kaum ernsthaft mit Schätzmethoden zur Aufwandsschätzung beschäftigt. Mit der steigenden Bedeutung von Software und mit Beginn der Globalisierung hat sich dies jedoch rasant verändert. Der steigende Wettbewerbsdruck, kürzere Entwicklungszyklen und höhere Qualitätsanforderungen, haben dazu geführt, dass nach neuen Möglichkeiten gesucht werden, IT-Produkte und IT-Projekte über den gesamten Lifecycle verlässlich zu planen. Die Industrie hat das Potential erkannt und inzwischen den Estimierungsprozess fest im Unternehmen verankert.
Die Nachfrage der Industrie indes führte auch in Europa zu weiterer wissenschaftlicher Aktivität, sogar bis hin zu einer Anpassung der Lehr- und Studienpläne an Hochschulen. Auch wenn Schätzmethoden an vielen europäischen Universitäten quantitativ und qualitativ meist nur rudimentär dargestellt werden, so treten inzwischen die ersten jungen Ingenieure in die Industrie ein, die um die Bedeutung der Schätzmethoden wissen und diese konsequent nutzen.
Wir treten in das Zeitalter der Informationsgesellschaft ein und damit in den Wettbewerb um Informationen. Auch aktuelle Studien belegen, dass der Einsatz von Schätzmethoden ein elementarer Erfolgsfaktor ist. Das Wissen über Schätzmethoden, deren Einsatzgebiete, Funktionsweisen und Praxisrelevanz verbunden mit der systematischen Anwendung stellt einen messbaren Wettbewerbsvorteil dar und führt nachhaltig zur Effizienz und Produktivitätssteigerung.
Der Einsatz von Schätzmethoden ist elementarer Erfolgsfaktor von IT-Projekten. (VSEK, 2006)


